8.7 C
Lübeck
Donnerstag, 15 April 2021

Alkoholkonsum und Suchtgefahr steigen in Zeiten von Corona

Panorama

Der Alkoholkonsum verlagert sich von Restaurants und Bars in das eigene Zuhause. Mit teilweise gefährlichen Folgen.

Laut offizieller Zahlen des Einzelhandels wird in Zeiten der Corona-Krise deutlich mehr Alkohol gekauft als zuvor. Der Alkoholkonsum verlagert sich gleichzeitig von Restaurants und Bars in das eigene Zuhause. „Dadurch steigt schleichend die Gefahr eines riskanten Konsums oder gar einer Abhängigkeit“, weiß Stephan Schuldt, Leiter der Suchtberatungsstelle der Vorwerker Diakonie. „Im öffentlichen Raum gibt es noch den Blick der anderen Menschen, die soziale Kontrolle – diese entfällt in den eigenen vier Wänden natürlich. Und während man im Restaurant beispielsweise ein Glas Wein bestellt, steht zu Hause gleich eine ganze Flasche zur freien Verfügung. So wird schnell mehr getrunken als sonst.“

Gefährlich wird es dann, wenn der Alkohol kein Genussmittel mehr ist, sondern einen bestimmten Zweck erfüllt. „Gerade die Corona-Pandemie geht mit vielen Stressfaktoren einher“, sagt Suchttherapeutin Dorothee Johannsen. Soziale Isolation, der drohende Verlust des Arbeitsplatzes oder familiäre Konflikte können Ängste und Unsicherheiten auslösen. „Alkohol ist für manche dann wie ein Medikament dagegen und löst vorrübergehend die Angst,“ so Johannsen. „Aber natürlich werden die Probleme damit nur verdrängt und womöglich ein neues geschaffen, nämlich die Abhängigkeit.“ Die Suchttherapeutin weist darauf hin, wie wichtig es für Betroffene und ihre Angehörigen ist, möglichst frühzeitig zu handeln: „Wenn Sie sich unwohl fühlen, wenn Sie Fragen zum Alkoholkonsum haben, dann melden Sie sich bei uns. Wir können Antworten geben und gemeinsam mit Ihnen herausfinden, was genau los ist.“

Die Zahl der Menschen, die in die Suchtberatungsstelle kommen, steigt. 2019 waren es insgesamt 335 – im Jahr 2020 bis jetzt schon 225. „Es ist gut, dass immer mehr Betroffene und Angehörige professionelle Hilfe suchen“, sagt Stephan Schuldt. „Trotzdem erleben wir, dass die Hemmschwelle immer noch hoch ist. Denn Alkohol ist gesellschaftlich anerkannt und Alkoholsucht für viele weiterhin ein Tabu-Thema.“ Die Berater der Vorwerker Diakonie begegnen den Betroffenen auf Augenhöhe, ohne Vorurteile und ohne Vorwürfe. Und ganz wichtig: Sie stellen keine Forderungen. „Unsere Klientinnen und Klienten entscheiden, was sie preisgeben und welchen Weg sie gehen wollen“, so Johannsen. „Wir begleiten sie, so lange sie möchten und sie uns brauchen – sie haben immer die Wahl.“

- Anzeige -

mehr Kategorie Artikel

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

-Anzeige -

letzte Meldungen