Lassen Sie Ihr Gepäck niemals unbeaufsichtigt

0
113

Wird in den Vereinigten Staaten gerade ein Sicherheitsstaat aufgebaut? Ein Eindruck, der schnell entstehen kann, wenn täglich Nachrichten über Einreiseverbote und NSA-Skandale über die Bildschirme laufen. Ist das wirklich so? Oder verzerren die Nachrichten unser Bild?

Im Anschluss an eine Urlaubsreise nach New York wollte ich noch ein paar ruhige Tage in den “Hamptons” verweilen. Schließlich ist das der Ort, wo auch viele New Yorker ihre Zeit an der Küste verbringen. So ähnlich wie Hamburg und Timmendorfer Strand muss man sich das vorstellen. Die Rechnung ging nur bedingt auf, denn das Wetter erwies sich Mitte September als viel zu unstet für ein paar Badetage am Strand. Aber das kann einem ja in Timmendorf auch passieren.

Spannend erwies sich die Rückreise. Denn zunächst muss man zwangsläufig vom Urlaubsort wieder zum Flughafen gelangen. Dafür gibt es auf Long Island den “Hamptons Jittney”. Eine Busline, die aus den Badeorten ins Herz von Manhattan fährt. Als Urlauber, der einen Flug erreichen muss, geht man natürlich etwas früher los, um den Bus nicht zu verpassen. Beim Kaffeeholen nahe der Busstation fiel es mir dann auf: Ich hatte zwar meinen Koffer dabei, aber das Handgepäck beim Auschecken einsam in der Hotellobby stehen lassen. Einen unscheinbaren grauen Rucksack. Mist.

„Main Beach“ East Hampton im September 2018

 Ich musste also schnell zum Hotel zurückjoggen, was bei hoher Luftfeuchtigkeit und fast 30 Grad jetzt auch kein Vergnügen war. Der Rucksack stand da noch seelenruhig in der Lobby, ohne dass er irgendjemanden in besondere Aufregung versetzt hatte. Wenn wir überlegen, wie sehr wir die Gefährlichkeit von zurückgelassenen Gepäckstücken eingetrichtert bekommen, ist das schon bemerkenswert. An Flughäfen dröhnt alle fünf Minuten die Warnung durch den Lautsprecher doch bitte bitte nicht Gepäck unbeaufsichtigt irgendwo stehen zu lassen. Immer wieder werden ganze Flughäfen wegen zurückgelassener Rücksäcke stundenlang gesperrt. „Never leave your luggage unattended“

Ich hätte erwartet, dass in einem Land wie den USA die Anti-Terror-Bekämpfung entweder schon vor Ort gewesen wäre, oder sie wenigstens jemand gerufen hätte. Aber nichts da. Ist vielleicht die Verunsicherung aufgrund von Terroranschlägen in Europa sogar größer als in den Vereinigten Staaten? Das würde natürlich den gepflegten Vorurteilen, die man so über das Leben jenseits des großen Teiches hat, schon etwas widersprechen.

Staten Island Ferry

Es zeigte sich allerdings auch an anderen Stellen. Die Sicherheitsvorkehrungen beim Eintritt ins Metropolitan Museum of Art waren nicht annähernd so strikt wie ich sie vor ein paar Monaten im Louvre in Erinnerung hatte. Die berühmte orangefarbene Fähre von Battery Park nach Staten Island kennt überhaupt keine Sicherheitsinspektion. Auch in die “Federal Hall” schräg gegenüber der Börse in der Wall Street kam man einfach so rein- und rausspazieren. Immerhin ist das der Ort, an dem George Washington seinen Amtseid als erster Präsident der Vereinigten Staaten ablegte.

Von Anti-Terror-Hysterie keine Spur

Nun will ich nicht so weit gehen, den USA zu große Laxheit in Sicherheitsfragen zu bescheinigen. Ein- und Ausreise werden – seit Jahren schon – penibelst dokumentiert. Flugdaten gesammelt, bei der Einreise Fingerabdrücke genommen. Aber insgesamt betrachtet schien mir das Niveau der Terrorvorsorge hier nicht höher als in Europa. Von Anti-Terror-Hysterie war jedenfalls keine Spur.

Dann waren da noch die Fingerabdrücke bei der Einreise: Der Grenzbeamte wird mir jedenfalls gut in Erinnerung bleiben. Bei der letzten Einreise vor ca. 14 Jahren musste ich bereits Fingerabdrücke abgeben. Sicher ist die Datenbank jetzt auf einem moderneren Stand, daher die erneute Abnahme nötig, nahm ich an. Ich wollte aber wissen, wie es denn wohl bei einer künftigen Einreise sein würde. Wird der Fingerscan dann erneut durchgeführt oder wird es heißen: “Vielen Dank, Sir. Ihre Abdrücke haben wir bereits.”? Der Beamte antwortete aber nicht auf meine Frage, sondern auf die, die ihm wahrscheinlich immer gestellt wird: “Wir nehmen die Abdrücke zu ihrer eigenen Sicherheit. Wenn zum Beispiel Ihre Tickets gestohlen werden, kann sich niemand bei der Ausreise als Ihre Person ausgeben kann.”

Na ja, dachte ich mir. Deshalb und vielleicht auch, damit man mich überführen kann, wenn ich während meiner Reise Straftaten begehe. Aber Verbrechen hätte ich vermutlich auch ohne Fingerabdrücke nicht begangen. Ich habe nicht weiter nachgefragt.

Vorheriger ArtikelToo many Connections – Ratsinfosystem kollabiert
Thorsten Fürter (48) hat in Hamburg Rechtswissenschaften und Journalisik studiert. Er ist Mitglied der Lübecker Bürgerschaft und arbeitet als Richter am Oberlandesgericht in Schleswig. Sämtliche Beiträge geben ausschließlich seine persönliche Ansicht wieder.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here